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PM-2009-12: Dr. Cordula Ratajczak "Keine falschen Zeichen setzen – Geschichtliche Aufarbeitung hat Kreisrat Nitzsche längst überholt""

Donnerstag, 12. März 2009

Dr. Cordula Ratajczak
Bundestagskandidatin Bündnis 90/Die Grünen
Wahlkreis 157

„Gedenksteine gegen das Vergessen“ erinnern üblicherweise - da reicht bereits eine kurze Google-Recherche - an deutsche Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus. Wenn Henry Nitzsche jetzt einen solchen Gedenkstein für die deutschen Vertriebenen des Landkreis Bautzen fordert, dann bleibt er genau auf jener Stufe der nationalen Aufrechnung zurück, welche all diejenigen, die sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigen, längst hinter sich gelassen haben. Und die letztlich die eigentliche Ursache des europäischen Flüchtlings-Dramas nach `45 ist.

„Wer sich für historische Aufarbeitung des Leids und Elends von Flüchtlingen und Vertriebenen stark macht, sollte zumindest im Ansatz wissen, worüber er spricht“, kommentiert die grüne Bundestagskandidatin und Kulturwissenschaftlerin Dr. Cordula Ratajczak Nitzsches Vorgehen.
„Sonst entlarvt sich ein Antrag, wie ihn das ehemalige CDU-Mitglied im Kreistag gestellt hat, als pure populistische und politische Profilierungssucht auf Kosten der Opfer und als Versuch, der eigenen ehemaligen Partei eins auszuwischen. Das ist schlicht verantwortungslos.“

Egal, auf welcher Ebene, ob in Europa, in Deutschland oder vor Ort in der Region (s.u.): Es gibt in den letzten Jahren eine Vielzahl von Veranstaltungen, wissenschaftlichen Studien, fiktiven Fernsehfilmen, filmischen Dokumentationen oder auch Audio-Dokumentationen, die sich mit den Schicksalen von vertriebenen Schlesiern, Polen, Sudetendeutschen usf. auseinandersetzen. Und dies erstens jenseits des vereinfachenden Schwarz-und-Weiß-, Opfer-und-Täter-Schemas, und damit zweitens jenseits des nationalen Paradigmas, dessen Bereinigungswahn ja letztlich für die Vertreibung aus den Staaten mit ihren neuen Grenzen nach ´45 verantwortlich ist. 40-80 Millionen Menschen in Europa hat diese nationalistisch motivierte Strategie der „Entmischung“ zu Flüchtlingen gemacht, schätzt der bekannte Historiker Karl Schlögel.

„Wer das Elend der Vertreibung heute nationalistisch festklopfen will, macht den Bock zum Gärtner und stellt alle auf diesem Gebiet bisher zusammen mit den Betroffenen und über die Grenzen hinweg geleistete Aufarbeitungsarbeit auf den Kopf“ stellt Ratajczak fest. „Wenn der Landkreis sich mit seiner Vertriebenen-Geschichte beschäftigen will, dann ist das nur zu begrüßen. Falsch lesbare Zeichen in Stein meißeln ist nicht der richtige Weg.“

Regionale Aufarbeitung (Auswahl):

- Ines Keller 2005: „Ich bin jetzt hier und das ist gut so“.
Lebenswelten von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Lausitz. Bautzen:
Domowina Verlag, 193 Seiten

- Schlesisches Museum Görlitz (Auswahl):

3.2.09 Flucht und Vertreibung. Das Ende des Zweiten Weltkriegs in
Niederschlesien, Sachsen und Nordböhmen. Buchvorstellung und Gespräch
mit dem tschechischen Historiker Mat?j Spurný

26./27.2.09 „Lebenswege ins Ungewisse“. Tagung über Migration und
Bevölkerungswandel in Görlitz und Zgorzelec seit 1933

„Dieser Schmerz bleibt“. Lebenserinnerungen vertriebener Polen und
Schlesier. Hrsg. vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde.
Dresden 2004. CD 66 min.

Stefan Donath 2000:Vertriebene und Flüchtlinge in Sachsen 1945 bis 1952.
Die Politik der Sowjetischen Militäradministration und der SED
(=Geschichte und Politik in Sachsen BD. 15). Böhlau Verlag, 466 Seiten

Weitere Literatur:

- Andreas Kossert 2008: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen
Vertriebenen nach 1945. Berlin: Siedler Verlag
- Karl Schlögel 1999: Kosovo war überall. Die ethnische Säuberung ist
eine Ausgeburt des 20. Jahrhunderts. Eine Bilanz der Vertreibungen in
Europa. In: DIE ZEIT Nr. 18, 29. April 1999, Seite 15-19