„Wir halten Kamenz sauber! – Aktionen gegen Nazidemo am 6. September 2008 (Bericht von Stadtrat Jörg Stern)
Sonntag, 7. September 2008
Für den 6. September hatten Neonazis in Kamenz ihre erste Demo angemeldet unter dem Motto „Zukunft für unsere Kinder – nicht in diesem System!“. Sie behaupteten in ihrem von Rassismus und Sozialdarwinismus geprägten Aufruf, „das Deutschland stirbt“ und „die Demokraten den Volkstod bringen“. Ich frage mich, warum man Veranstaltungen von so offenkundig außerhalb von Verfassung und Demokratie stehenden Gruppierungen zulässt und dann mit riesigem Polizeiaufgebot ( 3 Hundertschaften) auf Kosten der Steuerzahler absichern muss. Am Dienstag fand ein Treffen beim Bürgermeister mit Vertretern von Parteien, Kirchen und anderen Organisationen statt. Wir waren uns einig, dass wir die Nazidemo ins Leere laufen lassen wollten, es sollte zu keiner Konfrontation oder Eskalation kommen. Gleichzeitig sollten sichtbare Zeichen gesetzt werden, die zeigen sollten, dass diese „Gäste“ nicht willkommen sind und ihre Ansichten von den Kamenzern abgelehnt werden.
Als ich mich am Sonnabend gegen 15 Uhr auf den Weg machte, waren viele Straßen in der Innenstadt gesperrt, ein großes Polizeiaufgebot „sicherte“ eine Gruppe bunter jugendlicher Gegendemonstranten auf dem Auenparkplatz. Wie ich später hörte, bekamen diese vorbeugende Platzverbote, wurden zu diesem Parkplatz geleitet und z.T. auch erkennungsdienstlich behandelt. Zwischen Demonstranten und Gegendemonstranten wurde ein Sicherheitsabstand von mindestens 50 Metern durchgesetzt. Im Hintergrund hörte man die Pauken und Parolen der Nazis. Die 180- 200 Demonstranten wirkten martialisch. Sie wurden von einem großen Polizeiaufgebot begleitet, die auch die strengen Auflagen durchsetzen sollten. Neben ihrem Motto trugen sie natürlich das unvermeidliche „Todesstrafe für Kinderschänder“ mit sich herum. Mit dieser Losung wollen sie natürlich Zustimmung gewinnen. Die Gruppe wirkte straff organisiert, marschierte in meist schwarzer Kleidung fast im Gleichschritt und bestand zu 80% aus männlichen Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen. Dazu kamen einige ältere Glatzköpfe, Rocker mit langen Haaren und einige junge Frauen. Der Einpeitscher beschallte mit Hilfe von auf einem PKW montierten Lautsprechern seine Umgebung mit seinem braunen Dünnpfiff. Die Gruppe skandierte immer wieder, unterstützt von den Pauken ihre Parolen von den Demokraten, die sie verraten und dem baldigen Ende des Systems. Auf dem Markt und in der Innenstadt waren einige Jugendliche unterwegs zum „Nazigucken“. Sympathie war zwar selten vorhanden, zu den Gegenaktionen konnten sie sich aber auch nicht aufraffen. Auf der ca. 2,5 km langen Demo- Route waren Transparente und Plakate angebracht, die meist Schüler am Freitag angefertigt hatten und die deren Ablehnung der Nazi- Parolen zeigten: „Uns Kamenzer Kindern geht es gut!“, „Kinderzeit ist schöne Zeit in Kamenz“, „Glück für Kinder in der ganzen Welt“, daneben viele für Demokratie, gegen Rassismus und Nazis. Um 15.45 Uhr riefen die Glocken zu einem Friedensgebet in die Kamenzer Hauptkirche St. Marien. Diese war mit hunderten Besuchern, darunter viele Familien mit Kindern, gut gefüllt. Es gab Ansprachen von Superintendent Müller, Pfarrer Naumann, OB Dantz und dem Pfarrer der katholischen Kirche. Dazwischen wurde gesungen und natürlich auch gebetet. Eine Mauer der Vorurteile wurde abgetragen und eine Girlande gebastelt, die anschließend im Rathaus angebracht wurde. Dann wurden Straßenbesen verteilt und es ging gemeinsam zum Markt, um diesen symbolisch vom braunen Unrat zu reinigen. Diesen Vorschlag hatte mein Kollege Richard Boes gemacht, welchen ich dann am Dienstag bei der Versammlung beim OB vorgetragen habe und welcher dort sofort auf breite Zustimmung stieß.
Ich denke, die Bürger der Stadt Kamenz haben angemessen auf dieses Ereignis reagiert, auch wenn jugendliche Heißsporne damit unzufrieden waren. Ich hätte mir eine größere Beteiligung von Kamenzer Lehrern, Stadträten und Jugendlichen gewünscht, aber vielleicht waren ganz viele von ihnen auf dem internationalen Sportfest im Stadion oder anders ernsthaft verhindert, oder?









